Wetteraukreis: |
Rund zwei Millionen Tonnen Klärschlamm produzieren die mehr als 10.000 deutschen Kläranlagen jährlich. Mehr als die Hälfte davon wird landwirtschaftlich verwertet und knapp zehn Prozent auf Deponien. Ab 2005 wird die Deponierung von unbehandeltem oder nur entwässertem Klärschlamm nicht mehr möglich sein. "Alternativen bei der Verwertung von Klärschlamm sind also gefragt, falls die landwirtschaftliche Verwertung gesetzlich ausgehebelt wird", sagt Landrat Rolf Gnadl und verweist auf die Alternative der Niedertemperaturkonvertierungsanlage (NTK), die bei der Firma Werkstoff + Funktion Grimmel Wassertechnik in Ober-Mörlen gebaut wurde. Noch im August wird sie ihren Probebetrieb auf der Kläranlage in Füssen aufnehmen.
Nach diesem Verfahren lassen sich aus Klärschlamm noch marktfähige Produkte gewinnen, vor allem Kohle und Öl. Das Geheimnis dafür steckt in der Niedertemperaturkonvertierung. Eine entsprechende Anlage hat die Ober-Mörler Firma Werkstoff + Funktion Grimmel Wassertechnik auf der Basis der Laborkenntnisse einer Forschungsgruppe an der Fachhochschule Gießen unter Leitung von Prof. Dr. A. Ernst Stadlbauer in sechsmonatiger Bauzeit realisiert. Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
Geeignet für die Konvertierung ist organikreiche Biomasse wie Klärschlamm oder Tiermehl. Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Wetteraukreises interessiert sich für die anlage insbesondere wegen der eventuellen Weiterverarbeitung des sogenannten Unterkorns aus seiner mechanisch-biologischen Abfallbehandlung in Grund-Schwalheim. In der Konvertierungsanlage wird die Biomasse unter Ausschluss von Sauerstoff einer Temperatur von 320 bis 400 Grad ausgesetzt. Der Umwandlungsprozess erfolgt mit Katalysatoren (das sind Stoffe, die eine chemische Reaktion auslösen oder beschleunigen), die sich bereits in den Spurenelementen der Biomasse befinden, den Einsatz von Fremdstoffen also unnötig machen. Am Ende dieses Prozesses ist die Biomasse in 50 bis 60 Prozent Kohle, zehn bis 25 Prozent Öl, weniger als zehn Prozent Restgase und einige Salze umgesetzt. Das Öl hat eine dem Dieselöl ähnliche Viskosität. Die Kohle könnte in der Abwasser- und Abgasreinigung zum Einsatz kommen aber auch in der Ziegelindustrie oder als Chemierohstoff. Und noch einen Pluspunkt kann das konvertierte Material für sich verbuchen: Die Kohle enthält noch den gesamten Phosphor, der herausgelöst und für die landwirtschaftliche Düngung verwendet werden kann. Phosphor ist teuer. Lag sein Preis vor einigen Jahren noch bei vier Dollar, kostet er mittlerweile rund 28 Dollar, rechnet Prof. A. Ernst Stadelbauer, wissenschaftlicher Leiter des Projekts, vor.
Vater der Niedertemperaturkonvertierung ist der im Januar 2002 verstorbene Tübinger Professor Ernst Bayer. Er entwickelte in den 80er und 90er Jahren die wissenschaftlichen Grundlagen. 1979 schon konnte sich Landrat Rolf Gnadl, damals noch Bürgermeister von Glauburg, bei einem Mitarbeiter des Professors in Tübingen von dem Nutzen der genialen Idee überzeugen. "Damals aber war es noch nicht möglich, das Verfahren in einer technisch ausgereiften Anlage anzuwenden", erinnert sich Gnadl.
Klärschlammkonvertierung interessant für Wetterau
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 1998 fielen in dem betreffenden Jahr mehr als 2,24 Millionen Tonnen kommunalen Klärschlamms an (derzeit rund 3 Millionen). 1,5 Millionen Tonnen, also rund 67 Prozent, wurden in der Landwirtschaft verwertet und bei Rekultivierungsmaßnahmen zugeführt. Knapp 18 Prozent wurden thermisch verwertet, fünf Prozent zwischengelagert und rund zehn Prozent deponiert. Künftig könnte die Niedertemperaturverwertung vor allem dann interessant für den Kreis werden, wenn der Bund die landwirtschaftliche Klärschlammverwertung verbieten sollte und der Kreis sodann das bewährte "Wetterauer Modell" aufgeben müsste.
Zwar denkt Landrat Rolf Gnadl im Hinblick auf das "Wetterauer Modell" zur Klärschlammverwertung nicht daran, die Fahnen zu wechseln, ruft aber auch dazu auf, sich wissenschaftlichen Erkenntnissen und ökologischen Notwendigkeiten nicht zu verschließen. "Wenn sich die Anlage bewährt und zur Serienreife gelangen sollte, könnte sie der kommunalen Familie von enormem Nutzen sein", betont Gnadl, der sich darüber freut, dass die Anlage in einem mittelständischen Unternehmen des Wetteraukreises gebaut wurde. Dies zeige, wie innovativ der Mittelstand sei; ein Potential, dass es zu stärken gelte. Es sei wichtig, kleine Gewerbegebiete zu fördern und sie nicht nur auf die Ballungsräume alleine zu beschränken.
Die Anlage wird noch in diesem Monat für einen sechsmonatigen Probelauf auf der Kläranlage in Füssen in Betrieb gehen, danach für weitere sechs Monate in einer hessischen Tierverarbeitungsanlage. Für die Zukunft ist geplant, in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Gießen in Ober-Mörlen ein Kompetenzzentrum für Niedertemperaturkonvertierung zu realisieren.

Bild 1: Landrat Rolf Gnadl und Walter Grimmel, Geschäftsführer der Firma Werkstoff + Funktion Grimmel Wassertechnik nehmen die Anlage in Betrieb. Daneben Prof. Dr. A. Ernst Stadlbauer und Edgar Rünagel von der Firma Rünagel Elektrotechnik GmbH aus Viereth-Trunstadt.

Bild 2: Landrat Rolf Gnadl wirft einen Blick in die Anlage: v.l.n.r. Kurt Schäfer, Leiter des Abfallwirtschaftsbetriebes, Landrat Rolf Gnadl, Prof. Dr. A. Ernst Stadlbauer, Edgar Rünagel und Walter Grimmel.